Aufruhr (3)

Nach der Rückkehr von unserem Spaziergang zählte ich förmlich die Sekunden, bis ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle machen konnte. Endlos, ohne Unterlass, strömte während der nächsten gut zwei Stunden Mutters Redeschwall auf mich ein. Neben den üblichen, häufig bösartigen Tratschereien ließ sie wieder einmal kein gutes Haar an meiner Schwägerin. Und tischte mir eine neue Diebstahlsgeschichte auf: Angeblich wäre sie während einer Busreise in die Tschechei von einer der Ex-Schwiegermütter meines Bruders bestohlen worden. Die I. sei eine krankhafte Kleptomanin, den Eindruck habe sie immer schon gehabt. Wie sie denn darauf kommen würde, fragte ich müde und lustlos. „Ja, als der E., ihr Mann, ins Krankenhaus gekommen ist, hätte er Angst gehabt, dass die I. in der Zwischenzeit das ganze Geld vom Konto räumen würde. Und auf der Reise wollte sie mich ständig zum Duschen schicken.“ Ich verkniff mir die Bemerkung, dass das ja durchaus auch an ihrem Körpergeruch gelegen haben könnte.

Endlich, endlich, endlich saß ich im Zug Richtung Großstadt. Mir dröhnte der Schädel, ich hielt zwar das Buch, das ich mitgenommen hatte, in der Hand, war aber nicht dazu in der Lage, darin zu lesen.

Ich stellte auf meinem Hauptblog noch am späten Abend einige Fotos ein, die ich in der Heimat trotz des schlechten Wetters gemacht hatte. Nicht lange danach fragte eine gute Bloggerfreundin nach meinem Befinden, und ob ich schöne Ostern gehabt hätte. Ich antwortete: „Ich bin heilfroh, wieder zuhause zu sein. Wenn ich noch länger in der Heimat hätte bleiben müssen, wäre mir der Kragen geplatzt.“ – „Warum? Wegen deiner Mutter?“ – „Yepp. Ich dachte während der zwei Tage manchmal daran, schreiend wegzulaufen, oder ihr den Hals umzudrehen.“ – „Ach, du liebe Güte! So schlimm?“ – „Ja, so schlimm.“

Ich weiß, ich bin manchmal viel zu impulsiv. Und ich gebe auch zu, indiskret gewesen zu sein. – Aber ich habe in all den vielen Jahren meiner Tätigkeiten als Bloggerin im WWW schon weitaus schlimmere Dinge gelesen.

Als ich anderntags nach der Arbeit auf meinen Blog schaute, traute ich meinen Augen nicht. J., meine Schwägerin, hatte sich eingeschaltet, und mittels einiger Kommentare – einer davon war eine ellenlange Abhandlung, die ich sofort löschte, nachdem ich den ersten Satz gelesen hatte – einen kleinen „Shitstorm“ entfesselt. In der nachfolgenden Diskussion beschuldigte sie mich unter anderem, die Diebstahlsgeschichte vor gut acht Jahren inszeniert und meiner Mutter eingetrichtert zu haben, zudem würde ich beständig auf meinem Blog die Verwandtschaft in den Dreck ziehen (über 99,9 % meiner Blogbeiträge befassen sich mit anderen, weitaus interessanteren Themen). Und ich hätte sie als fremdenfeindliche Diebin bezeichnet (das war mir völlig neu!). Außerdem wäre ich eine vor Neid und Missgunst förmlich zerfressene Person, die das angebliche Glück zwischen ihr, meinem Bruder und dem Sohn nicht ertragen könne, und aus diesem Grunde hätte ich die Familie entzweit. Ich frage mich immer noch, wie ich das in all den Jahren, in denen ich kaum Kontakt zu meinen engen Verwandten hatte, hätte zuwege bringen sollen.

Zuerst platzte ich vor Wut und Entrüstung, und wollte ihr Kontra geben. Doch dann hielt ich mich zurück, mein Bauchgefühl sagte mir, dass eine verbale Entgleisung meinerseits wahrscheinlich genau das war, worauf J.s Attacke abzielte. Ich schrieb, dass ich ihr die ungerechtfertigten Vorwürfe verzeihen würde. Und dass ich ihr Verhalten nicht so ganz nachvollziehen könne – einerseits würde sie mir vorwerfen, mittels Blogposts die Familie zu entehren, andererseits solle ich ihre Kommentare frei schalten, damit sie auf meiner Website völlig ungeniert familieninterne schmutzige Wäsche waschen könne. Danach war Ruhe.

Dennoch hatte ich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Am nächsten Tag war der wöchentliche Anruf bei der Mutter fällig. Ich ließ es lange Zeit immer und immer wieder ausgiebig klingeln, doch sie ging nicht ans Telefon. Ich bekam es mit der Angst zu tun – vielleicht war sie gestürzt, und lag nun bewusstlos in der Wohnung. So rief ich eine Nachbarin an, und bat diese, kurz nachzusehen.

Nur wenig später meldete sich meine Mutter: Ausgerechnet heute, wo sie in der Seniorenbetreuung zwei so schwierige Fälle übernommen hätte, hätte ich sie so bitterlich enttäuscht. Mir schwante nichts Gutes. Meine Mutter eröffnete mir, dass sie mich angeblich seit etlichen Jahren schon im Internet durch ihre Anwältin überwachen lassen würde. Und die wäre am Nachmittag bei ihr vorbei gekommen, und hätte ihr einen ganzen Packen Ausdrucke übergeben, randvoll mit einer Unmenge an unverschämten und kränkenden Dingen, die ich über sie angeblich geschrieben hätte. Mir verschlug es den Atem, doch dann fing ich mich dank eines Geistesblitzes wieder: „Woher weiß denn deine Anwältin von meinem Internet-Pseudonym?“ Es herrschte eine Weile Schweigen. Dann stotterte die Mutter: „Das hast du mir vor Jahren doch mal genannt.“ – „Ganz sicher nicht. Das habe ich mir erst zugelegt, nachdem wir den Kontakt zueinander abgebrochen hatten.“ Wieder schwieg sie. Ich sprach ganz sanft und ruhig: „Du kennst mein Pseudonym von der J., stimmt’s?“ Sie schnappte nach Luft – ich wertete das als Eingeständnis.

Ich bat die Mutter um Verzeihung und versprach ihr, die Kommentare, sowie alles, was ich je über sie geschrieben hatte, zu löschen – es handelte sich dabei um einen einzigen, sehr bitteren Blogpost zum Thema Muttertag. Allerdings konnte ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass ich allmählich den Eindruck gewann, dass sie bezüglich des versprochenen Geldes mit mir spielen würde. Lange Zeit schwieg sie erneut. Dann rang sich ein knappes „Ich verzeihe dir!“ ab.

Warum meine Schwägerin einen derartigen Aufruhr angezettelt und mich bei meiner Mutter angeschwärzt hatte? Vielleicht leidet sie an einem übertriebenen Gerechtigkeitssinn? Vielleicht ist sie in Wahrheit die Neidische, die Missgönnende, und wollte nicht, dass ich das Geld bekam? Vielleicht hatte sie vor, zwischen der Mutter und mir dauerhaft Zwietracht zu säen, aus welchem Grunde auch immer? Vielleicht ist sie auch von der Mutter gegen mich aufgehetzt worden? Hätte ich dem ersten Impuls nachgegeben, und mich auf einen Streit mit J. eingelassen, dann hätte die Mutter die moralisch Entrüstete mimen – worauf sie sich hervorragend verstand! – und mir das Geld vorenthalten können.

Wobei – mittlerweile war ich darauf überhaupt nicht mehr erpicht. Am liebsten hätte ich ihr bei der nächstbesten Gelegenheit gesagt, dass sie sich den Zaster sonstwohin stecken könne, und dass ich für den Rest meiner Tage nichts mehr mit ihr zu tun haben wolle.

Rückblick (1)

Ich habe beschlossen, den chronologischen Verlauf der „Beziehungsgeschichte“ mit meiner Mutter etwas aufzubrechen, und Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend dazwischen zu streuen. Denn diese treiben häufig grad des Nachts in jener halbwachen Zeit vor dem Schlaf wie Ölblasen aus dem tiefen Seelengrund an die Oberfläche meines Bewusstseins.

Meine Mutter fühlte sich immer dann am wohlsten, wenn sie Andere gegeneinander aufhetzen konnte – die eigenen Geschwister, meinen Vater gegen seine Familie, und natürlich meinen jüngeren Bruder gegen mich. Wenn der kleine H. mich dann erfolgreich zur Weißglut getrieben hatte, und ich ihm schäumend vor Wut schwor, dass ich ihn eines Tages, wenn er sich nicht mehr hinter dem Rockzipfel seiner Mutter verstecken könne, erbarmungslos kalt machen würde, dann nahm ihr Gesicht den Ausdruck einer voller Behagen Sahne schleckenden Katze an. Und dann spielte sie ihre Lieblingsrolle: Die der völlig entrüsteten, über mein schreckliches Verhalten zutiefst entsetzten moralischen Autorität.

Ich hatte seit jeher einen sehr scharfen und wachen Verstand – das war mit Sicherheit einer der Gründe dafür, dass die Mutter keine Gelegenheit versäumte, mich als dumm, feige, schwach, ungelenk, unfähig und unnütz hinzustellen. Im Alter von elf, zwölf Jahren konnte ich bereits hervorragend argumentieren – da war ich wohl ein Naturtalent, beigebracht hatte mir das niemand. So zerpflückte ich bei jeder sich von Satz zu Satz verschärfenden Diskussionen mit ihr, die zumeist während der Mahlzeiten statt fanden, jedes ihrer Scheinargumente und Lügen und verdrehten Tatsachen. Wenn sie zum Beispiel die ehrbare, erziehende Matrone hervor kehrte, und damit um die Ecke kam, dass Lügen kurze Beine hätten, pflegte ich mit einem für ein Kind gefährlich ungewöhnlichem Zynismus auf ihre Füße zu blicken und voller Sarkasmus zu bemerken: „Ach, ja?“ Danach rutschte ihr in der Regel die Hand aus, und meine Wangen und mein Kopf brannten und brummten noch eine ganze Weile von der erhaltenen harten Ohrfeige.

Wenn ich sie in den Streitgesprächen völlig in die Ecke gedrängt hatte, dann drohte sie mir damit, mich in ein Erziehungsheim zu stecken. Gab ich immer noch keine Ruhe, dann schrie sie mich in der Regel mit überschnappender Stimme an, dass ich wahnsinnig sei, psychisch krank, einen Dachschaden hätte, und gemeingefährlich, so jemand Verrückten wie mich dürfe man auf gar keinem Fall frei herumlaufen lassen! Sie würde jetzt den Psychiater in der Kreisstadt anrufen, der würde die Leute vom Irrenhaus, von Gabersee, schicken. Die würden mich in eine Zwangsjacke stecken, mitnehmen, und in eine Gummizelle verfrachten, und dort könnte ich dann toben, und schreien, und wild werden, so viel ich wolle, da würde mich niemand hören, und sich niemand um mich kümmern.

Und was tat mein Vater während dieser furchtbaren Auseinandersetzungen? Er, der studierte Pädagoge, der stellvertretende Direktor der Volksschule eines der größten Dörfer Deutschlands, der am Ende seiner Laufbahn so stolz darauf gewesen war, dass kein/e einzige/r Schüler/in angeblich auf die schiefe Bahn geraten sei? Nichts! Nichts! Er hatte seine Augen stets auf den Teller gerichtet, widmete seine Aufmerksamkeit scheinbar voll und ganz seiner Mahlzeit, schritt nie ein, versuchte nie zu schlichten, rief seine Frau nie zur Räson, stand mir nie bei… Ich habe meinen Vater viel mehr geliebt als die Mutter – aber mittlerweile, seitdem die Erinnerungen an so viele hässliche Dinge, die sich in meiner Kindheit und Jugend ereignet hatten, sich wieder eifrig regen, hadere ich im Geiste mit ihm manchmal noch viel mehr als mit ihr. Warum nur, warum. Warum hast du das alles geschehen lassen… Ich hoffe sehr, dass ich eines Tages die Gelegenheit haben werde, ihm diese Frage zu stellen.

Ich wundere mich im Nachhinein häufig, dass ich das, was jenes Monster, das mich zur Welt gebracht hatte, und auch mein Vater, mir in all den langen und vielen Jahren angetan hatten, überhaupt halbwegs gesund an Leib und Seele überlebt habe. Dass es mich stark gemacht und nicht umgebracht hat. Das hilft mir. Immer, wenn ich in eine ernsthafte Krise gerate, dann denke ich mir: „Du hast deine Kindheit und Jugend überstanden, dagegen ist das hier doch eine Kleinigkeit – das schaffst du leicht!“…

Aufruhr (2)

Nach dem Essen gingen wir ein wenig am Fluss spazieren. Auf Geheiss meiner Mutter musste ich mir zuvor noch einen flauschigen Pullover anziehen, den sie mir geschenkt hatte – dass sie mir bei jedem Besuch kleine Präsente machte, in der Regel etwas zum Anziehen, zählte zu den schönen Dingen unserer Beziehung. Doch ihr wohnt leider, leider der Fluch inne – anders kann ich es nicht ausdrücken – dass sie mit der linken Hand sogleich wieder zerstört, was sie mit der rechten aufgebaut hat. Unweigerlich kamen jene seit Jahrzehnten bis zum Überdruss gehörten Bemerkungen über meine Figur, während ich mich umzog: „Dein Hintern wird immer fetter. Und am Bauch hast du auch ganz schön zugelegt.“ – „Das kann gar nicht sein.“, entgegnete ich unwirsch. „Ich habe nach meiner Hüft-OP zweiundzwanzig Kilo abgenommen, und jetzt fast Normalgewicht.“

„Du wirst immer dicker. Dein Hintern wird immer fetter. Am Bauch hast du aber ordentlich zugelegt.“ – diese Sticheleien kenne ich seit meinen Kindertagen. Auch als ich jung war, Kleidergröße 36/38 trug, und dank ausgiebigem Schwimmen, Bergwandern, Joggen und einem kräftezehrenden Job in der Gastronomie kein Gramm Fett am Leibe hatte, musste ich mir regelmäßig sagen lassen, dass ich zu dick sei. Dabei hatte meine Mutter bis zum Tode meines Vaters selbst alles andere als eine schlanke Figur, sie war klein und ziemlich mollig. Oft lag mir die Retourkutsche auf den Lippen: „Ja, siehst du, der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm.“ Aber ich fürchtete mich jedesmal davor, dass die Mutter auf ihre hysterische und theatralische Weise die Beleidigte mimen und meinen Vater wieder einmal gegen mich aufhetzen würde.

Am furchtbarsten ist für mich die Erinnerung an jene Begebenheit, die sich zugetragen hatte, als ich elf oder zwölf Jahre alt war: Ich liebte Ballspiele, vor allem Ball-über-die-Schnur, ich war für mein Alter sehr groß gewachsen, und konnte hoch springen, und somit jeden gegnerischen Angriff erfolgreich abblocken. Klassenkameraden und ich spielten an einem sonnigen Nachmittag ausgelassen auf dem großen Hof zwischen dem alten Haus, in dessen ersten Stock sich unsere geräumige Wohnung befand, und der Schule. Plötzlich riss meine Mutter das Küchenfenster auf, beugte sich hinaus, und schrie mir zu: „Du solltest dich schämen, mit deinem Arsch so fett wie der von einem Brauereipferd  wie eine Wildgewordene herum zu galoppieren!“ Was ich danach fühlte – dafür gibt es keine Worte. Ich habe mich davon geschlichen wie ein geprügelter Hund, und in jene kleine Dachstube verkrochen, in die ich stets dann ausquartiert wurde, wenn die Großeltern in den Ferien zu Besuch kamen. Ich blieb absichtlich so lange dort, dass ich zu spät zum Abendbrot kam, und alleine in der Küche essen musste – ich hätte es nicht ertragen, jemandem von der Familie zu begegnen. Ich spülte ab, und verzog mich wieder in die Dachstube, wie ein waidwundes Tier.

Während unseres Spaziergangs kamen wir am schönen, alten Forsthaus vorbei, das wohl schon seit einer geraumen Weile leer stand. „Der Doc will das Anwesen kaufen.“, prahlte meine Mutter, und wies mit dem Regenschirm über den Gartenzaun. „Wie schön,“, entgegnete ich, „da wird er doch sicher eine feine Wohnung für dich einrichten.“ Sie zuckte mit den Schultern und blieb stumm.

Von Erzählung zu Erzählung wurde dieser angeblich 75-jährige, ungarisch-jüdische Arzt zu einer immer schillernderen Figur, eine Art in die Jahre gekommener Tausendsassa, der mit dem Geld nur so um sich zu werfen pflegte und anscheinend auf der ganzen Welt zuhause war. Angeblich befand er sich zur Zeit am Toten Meer, um dort angeblich als so eine Art ehrenamtlicher Mediziner Patienten in einer Kurklinik zu betreuen. Angeblich rief er meine Mutter mehrmals pro Woche an, um ihr die schönsten Komplimente zu machen: Sie sei so klug, so gebildet, so weltgewandt und humorvoll. Und man könne mit ihr über alles reden. Und – als sie mir das erzählte, musste ich mir ganz fest auf die Zunge beissen, um nicht laut zu lachen – sie sei so aufrichtig und von ganzem Herzen ehrlich. Manche Männer sind halt mit Blindheit geschlagen, und beim Umgang mit Frauen von jeglicher Intelligenz befreit, dachte ich mir.

Als wir wieder zuhause waren, packte ich mein Tablet aus, um ihr voller Stolz die farbenprächtigen und meiner Meinung nach gut gelungenen Aufnahmen zu zeigen, die ich Mitte Februar während des Karnevals in Venedig gemacht hatte. Nachdem die kleine Foto-Schau zu Ende war, presste sie auf die gewohnte Weise zwischen zusammen gekniffenen Lippen flach, beinahe tonlos „Na, schön!“ hervor. Um dann beinahe im selben Atemzug davon zu schwärmen, was für wundervolle Fotos die F. vom Seniorentreff machen würde. Und meine Schwägerin, die J., erst! Beinahe wöchentlich würden in der heimatlichen Tageszeitung Bilder von ihr veröffentlicht werden!

Aufruhr

Ostern 2016 verbrachte ich bei der Mutter. Inzwischen hatten sich die anfänglichen Bemühungen um eine gute neue Beziehung bei uns Beiden erheblich abgeschwächt. Unser Miteinander wurde zusehends wieder so, wie ich es seit vielen Jahrzehnten gewohnt war: Mutter redete von morgens früh bis abends spät ohne Punkt und Komma, und ein Gutteil von dem, was sie von sich gab, waren bösartige und gehässige Bemerkungen über ihre Mitmenschen, sogar den eigenen Sohn, die Schwiegertochter, den Enkel, und ihre Geschwister, oder aber die ausführlichen Lebensgeschichten von Nachbarn und Bekannten, die mich eigentlich wenig bis gar nicht interessierten – ich glaube, die Frau kennt jeden Lebenslauf eines jeden der ca. 4.000 Bewohner/innen meines Heimatortes in und auswändig – wenn es denn stimmte, was sie tagein, tagaus so von sich gab – was ich immer stärker bezweifelte. Ich kam so gut wie nie zu Wort, sie interessierte sich auch in keinster Weise für mich und mein Leben, mein persönliches Umfeld. Gelang es mir dennoch einmal, etwas zum Gespräch beizutragen, widersprach sie mir sofort, und bemühte sich stets nach Leibeskräften, mir zu beweisen, dass ich mit dem, was ich da so von mir gab, überhaupt nicht recht hatte. Ziemlich häufig griff sie dabei zu Lügen und Verdrehungen von Tatsachen. Wenn ich mal von meinen Leistungen in der Arbeit, beim Fotografieren oder Schreiben berichtete, wurde ihr Gesicht ausdruckslos und die Lippen verkniffen, als hätte ich einen unanständigen Witz von mir gegeben.

Nach einem Spaziergang durch feuchtkalte Wiesen, über die dunkel die Regenwolken trieben, eröffnete sie mir, dass sie auf gar keinem Fall das noch ausstehende Geld auf mein Girokonto überweisen würde. Ich war wie vor den Kopf gestoßen: „Warum nicht?“ Sie entgegnete, der Leiter ihrer Bankfiliale hätte ihr angeblich gesagt, dass von jemandem, der einmal Hartz-IV bezogen hätte, das Girokonto bis ans Lebensende vom Staat überwacht und überprüft werden würde (ich bin vor sieben, acht Jahren mal vorübergehend in den Genuss jener „sozialen Unterstützung“ gekommen). Ich war so perplex, dass ich darauf nichts antworten konnte. „Ein Sparkonto! Ja, wenn du ein Sparkonto hättest, dann wäre das kein Problem, dann würde ich dir schon nach den Feiertagen das Geld überweisen.“ – „Ich habe ein Sparkonto. Aber ich bin davon überzeugt, dass niemand mein Konto überwacht, auch der deutsche Staat nicht. Ich beziehe seit über fünf Jahren kein Hartz-IV mehr, und bin keiner Behörde etwas schuldig!“ Nein, sie blieb dabei. Wenn der Herr Bankfilialleiter angeblich davon überzeugt sei, dass die Geldgeschäfte ehemaliger Hartz-IV-Bezieher vom Staat ausgespäht würden, dann war das so, punktum.

Es dauerte lange, bis ich in jener Nacht auf der „Folterbank“, der sehr unangenehm weichen und schmalen Sitzfläche der wuchtigen Ledercouch im Wohnzimmer in den Schlaf fand. Während ich versuchte, meine wild galoppierenden Gedanken zur Ruhe zu bringen, fiel mir wieder einmal unangenehm und schmerzlich auf, dass meine Mutter sich in ihr Schlafzimmer einzuschließen pflegte. Verdammt noch mal, ich bin ihre Tochter! Hat sie denn so wenig Vertrauen zu mir? Fürchtet sie sich so sehr vor mir, dass sie sich einsperrt, wenn ich zu Besuch bin?

Ostermontag Mittag gingen wir zum Essen in ein kleines Lokal in der Ortsmitte. Ich hatte ja schon erwähnt, dass meine Mutter sehr gerne und höchst ausführlich davon erzählte, dass sie sich in einem Verein für Seniorenbetreuung engagieren und vor allem um alte Patienten/innen einer nahe gelegenen Reha-Klinik kümmern würde. Ehrenamtliche Leiterin jener sozialen Organisation sei eine ehemalige Bundesrichterin. Und diese Frau – schlank, zierlich, mit wachsamen Augen und intelligentem Gesicht – saß mit ihrem Mann an einem der Tische im Speisesaal. Man möchte meinen, dass so eine herausragende Persönlichkeit jemanden wie meine Mutter, die doch ihren Schilderungen nach bereits ungezählte aufopfernde Dienste für die Seniorenbetreuung getätigt hatte, voller Höflichkeit und sehr freundlich begrüßen würde. Ich war höchst erstaunt, dass das Gegenteil der Fall war, die Dame verhielt sich kühl und distanziert und fertigte die Mutter, die mir am Morgen noch voller Stolz verkündet hatte, angeblich hätte eine Nachbarin sie im Bus als „die Mutter Theresa von Seedorf“ bezeichnet, ziemlich unfreundlich ab.

Neuanfang (2)

Weihnachten verbrachte ich bei meiner Mutter. Ich hatte einige sehr schöne Aufnahmen vom Chiemsee ausgesucht, die ich im Sommer dort gemacht hatte, und einen Kalender erstellt. Sie hatte nach der Flucht mitsamt ihrer Familie aus Sudetendeutschland etliche Jahre ihrer Kindheit und Jugend in der Nähe des „Bayerischen Meeres“ verbracht, und ich wollte ihr damit eine Freude machen. Nachdem sie das Geschenkpapier entfernt, und den Kalender einmal kurz durchgeblättert hatte, stieß sie zwischen zusammen gepressten Lippen ein sehr gezwungen klingendes „Na… Schön… Danke.“ hervor. Mir versetzte das einen kleinen Stich. Ich hätte zwar daran gewöhnt sein müssen, es ist ihr immer schon schwer gefallen, ein Lob auszusprechen – aber ich bin irgendwie davon ausgegangen, dass sie sich in den vergangenen acht Jahren vielleicht doch geändert haben möge. Sie legte den Kalender beiseite und erzählte mir mit bunten Ausschmückungen und voller Begeisterung, was für tolle Fotos eine ihrer Bekannten vom Seniorentreff machen würde. Und meine Schwägerin, die J., erst! Angeblich würde keine Woche vergehen, ohne dass die heimatliche Tageszeitung Landschaftsaufnahmen von ihr zeigen würde. Es hat sich nichts geändert, durchfuhr es mich kurz, und blitzartig kamen mir all die ungezählten Situationen in den Sinn, in welchen meine Mutter es früher sehr gut verstanden hatte, meine ohnehin nicht üppig gesäten Erfolge zu schmälern, und mein nur rudimentär vorhandenes Selbstbewusstsein wieder auf den Stand Null zurück zu schrumpfen, indem sie mir in den glühendsten Farben die angeblichen bewundernswerten Fähigkeiten anderer – frühere Schulkameraden, Nachbarn, und natürlich meines jüngeren Brüderleins – gar kräftig unter die Nase zu reiben zu pflegte.

Das typische Verhalten eines Menschen, der eine ganz ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, und sich – so weit ich zurück denken kann – ungezählte Male hemmungslos des sogenannten „Gaslightings“ bedient hatte. So schätze ich meine Mutter mittlerweile ein, und ich denke mal, dass ich damit ziemlich richtig liege.

Vor eineinhalb Jahren wies ich allerdings die kurz störenden Gedanken weit von mir, nach wie vor nach bestem Wissen und Gewissen um ein gutes und möglichst harmonisches Fortführen der noch frischen neuen Beziehung zwischen uns bestrebt. Allerdings konnte ich es mir nicht verkneifen, lächelnd und nonchalant mit den Schultern zuckend aufzuzählen, dass Fotos von mir bereits in allen Münchner Tageszeitungen veröffentlicht worden wären und die Cover mehrerer Kulturprospekte zieren würden, und dass ich bei einem Bodensee-Fotowettbewerb mit ca. 20.000 Einsendern den 8. Platz belegt hätte. Zudem hätten sowohl der Reclam- als auch der Narrenflieger-Verlag Kurzgeschichten von mir gedruckt, und den Vertrag für die Buchlegung eines von mir verfassten Fantasy-Romans hätte ich auch seit kurzem in der Tasche. Darauf herrschte zunächst einmal Ruhe.

Nicht lange. Sie erzählte mir, dass sie vor einer Weile einen sehr interessanten älteren Mann kennen gelernt habe, angeblich ein ungarisch-jüdischen Arzt, Mitte Siebzig, und angeblich stinkend reich, mit Eigentumswohnungen in Salzburg, Genf, und Haifa, der sich in seinem wunderschönen roten Alfa-Romeo-Sportwagen anscheinend verfahren hatte, sie nach dem Weg gefragt und dann anschließend zum Kaffe trinken eingeladen hatte. In dem herrlichen roten Cabrio wären sie an den Fuschlsee gedüst, um es sich dort einen Nachmittag lang auf der Terrasse eines umwerfend noblen Nobelhotels gemütlich zu machen. Und daraus hätte sich eine tiefe Freundschaft entwickelt, und da der Name des Mannes so kompliziert wäre, würde sie ihn einfach nur Doc nennen. Ich freute mich sehr für meine Mutter – und war ziemlich beeindruckt. Sie, die hysterische Anfälle bekommen und meinen Vater regelmäßig beschimpft hatte, wenn er mit der Familienkutsche auf der Autobahn einmal schneller als 110 zu fahren wagte, war als Beifahrerin in einem Sportcabrio herum gebraust, und hatte anscheinend sehr viel Spaß dabei gehabt!

Mitte Januar 2016 überwies die Mutter mir 2.000 Euro. Ich war voller Dankbarkeit, und über die Maßen begeistert. Die wie ein Damoklesschwert über mir drohend schwebende Privatinsolvenz war abgewendet!

Dann allerdings muss es ihr allmählich klar geworden sein, dass H. und J. dicht gehalten und mir gegenüber nichts von dem Geldsegen im Jahr 2014 preis gegeben hatten. Dass sie umsonst Angst gehabt hatte. So begann sie, ab Februar 2016 zurück zu rudern. Die Ausreden mehrten sich: Einmal hätte der Filialleiter der örtlichen Bank, bei der sie seit über fünfzig Jahren bereits Kundin war, sie finster angesehen, als sie ein Überweisungsformular ausfüllen wollte. Ein andermal hätte sie zwar die Überweisung fertig gemacht, sich aber nicht getraut, diese am Schalter abzugeben, weil dort angeblich eine Teilzeitkraft Dienst hatte – und wer weiß, ob sich die überhaupt mit so was auskennen würde. Noch eine Ausrede: Sie hätte die Überweisung ausgefüllt, sich aber verschrieben, und keinen Ersatz zur Hand gehabt.

Dann trudelten Ende Februar 200 Euro auf meinem Konto ein. Mehr hätte sie sich nicht zu überweisen getraut, in der Bank hätte man so seltsam getuschelt. Gleichzeitig, während sie all diese Ausreden nach und nach vom Stapel ließ, rieb sie mir immer wieder unter die Nase, wie wohltätig sie angeblich sei, und wer alles finanziell von ihr unterstützt würde: Mein Neffe würde Monat für Monat ein „sehr großzügiges Taschengeld“ (20 Euro, sie hat sich da letztes Weihnachten mal ganz schön verplappert) von ihr erhalten. Und der Tante K. würde sie immer wieder mal Geld schicken, denn die sei ja so arm dran. Und auch der Hausärztin würde sie regelmäßig Geld zustecken, denn die könne zusammen mit ihrem Mann (einem pensionierten Ingenieur) von ihrer Rente kaum leben (die Zwei haben ein schuldenfreies, großes Haus, und vermieten Zimmer an Feriengäste).

Das Märchen von den stets liebenden und tröstenden Christenmenschen

Es ist immer wieder sehr erstaunlich, wie oft die sogenannten christlichen Lehren lediglich Lippenbekenntnisse sind. Dass es in unguten Situationen einer sogenannten „Freundin“ nicht einmal für ein einfaches Zeichen des Mitgefühls und des Trostes reicht, weil man ja so sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist.

Man stelle sich vor, welchen Verlauf das Christentum genommen hätte, wenn Jesus am Kreuz zu seinem Nachbarn, dem Schwerverbrecher, gesagt hätte: „Ich bin auch grade schlecht dran, und habe deshalb weder Zeit noch Lust, dir Trost zu spenden.“

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Neuanfang

Am 13. November 2015 fanden in Paris jene verheerenden Terroranschläge statt, 130 Menschen wurden dabei getötet, 352 zum Teil schwer verletzt.

Nur wenige Tage später musste ich während einer Berufsbildungsmesse im kleinen Messegelände arbeiten. Rings um mich strudelten, drängelten, tosten Tausende zumeist jugendliche Besucher/innen. Angst hatte ich keine, doch kamen mir während des langen Tages jene Gedanken in den Sinn: Wenn von diesen Leuten in deiner Nähe irgend ein Vollidiot eine Bombe zündet, und du dich von jetzt auf gleich in den berüchtigten rosa Nebel auflöst – wie gehst du dann von dieser Welt? Wäre dein Ende nicht leichter und freier, wenn du zuvor mit einigen Menschen Frieden schließen würdest – auch wenn man dich noch so gekränkt, erschreckt und vor den Kopf gestoßen hat?

Ich dachte lange darüber nach. Am Abend des folgenden Tages setzte ich mich hin und schrieb meiner Mutter einen kurzen Brief – ganz unverbindlich, und mit freundlichen und versöhnlichen Worten.

Ich erwartete keine Antwort, und war deshalb sehr erstaunt, und erfreut, als nur zwei Tage später das Telefon klingelte, und meine Mutter am Apparat war. Das erste Gespräch verlief ziemlich spröde, aber wir verabredeten, miteinander in Verbindung zu bleiben.

Eine halbe Woche später rief die Mutter wieder an. Es war später Nachmittag, ich hatte frei und saß am Computer. Ohne viel Umschweife eröffnete sie mir, dass ich Geld von ihr bekommen würde, viel Geld sogar. Ich war wie vom Donner gerührt! Zu der Zeit befand ich mich wieder einmal in einer meiner ungezählten finanziellen Krisen, und sah mittlerweile keinen anderen Ausweg mehr, als eine Privatinsolvenz in die Wege zu leiten.

Ich schluckte schwer: „O, Mama! Das ist ja eine ungeheuerliche Nachricht! – Aber ich möchte das Geld nur dann annehmen, wenn es dir nicht fehlt, wenn du nicht zu knausern oder gar Not zu leiden brauchst.“ – „Nein, nein, mach dir da mal keinen Kopf, ich bin gut versorgt. Ich werde dir das viele Geld allerdings nicht auf einmal auszahlen können, sondern nach und nach.“ – „Mach, wie immer du das für richtig hältst – und danke dir schon mal!“ – „Ja… Dein Bruder ist vor einer Weile mit seinem Geschäft in finanzielle Schräglage geraten, und hat mich mit einem Brief um Geld gebeten.“ Sie verstummte kurz, und ich konnte mir gut ausmalen, in welchem Ton dieses Schreiben wohl gehalten gewesen war – sofern diese Geschichte stimmt, und es diesen Brief wirklich gegeben hat. Dann fuhr sie fort: „Und jetzt möchte ich natürlich, dass da Gerechtigkeit herrscht, und du das Gleiche bekommst wie er.“ Wie ich inzwischen definitiv weiß, hat H. jene größere Summe im Sommer 2014 erhalten – und man hatte mich beinahe eineinhalb Jahre lang völlig uninformiert außen vor gelassen – das ist etwas, was ich den Dreien bis an mein Lebensende nicht verzeihen werde. Im Spätherbst 2015 fiel es meiner Mutter dann plötzlich ein, „für Gerechtigkeit zu sorgen“. Ich nehme an, dass ihr nach meinem Versöhnungsbrief vor Schreck das Herz in die Hose gerutscht ist. Dass sie die starke Vermutung hegte, H. und J. hätten nicht dicht gehalten, und mich letztendlich doch über die sehr großzügige finanzielle Zuwendung informiert. Dass sie vielleicht sogar Angst hatte, ich könne rechtliche Schritte ergreifen.

Am 17. Dezember fuhr ich in die Heimat, um meine Mutter kurz zu besuchen. Ich wollte mich nicht lange aufhalten, nur sehen, wie es ihr ging, und wie sie so drauf war. Wir verbrachten einen schönen Nachmittag, unterhielten uns überraschend gut und freundlich. Sie zeigte echtes Interesse an mir – völlig ungewohnt – und fragte mich sogar ein wenig über meine private, gesundheitliche und berufliche Situation aus. Voller Stolz erzählte sie mir, dass sie sich mittlerweile sehr in einem Verein für Seniorenbetreuung in meiner Heimat engagieren und anderen alten Menschen, denen es körperlich und geistig schlechter ginge als ihr, helfen würde. Was alles – es tut mir leid, das sagen zu müssen – von vorne bis hinten erstunken und erlogen gewesen ist. Was mir allerdings erst im Laufe der nächsten eineinhalb Jahre klar werden würde.

Als ich mit dem Abendzug zurück in die Stadt fuhr, hatte ich ein Kuvert mit 1.000 Euro dabei – die erste Anzahlung. Aber nicht nur das Geld machte mich froh – weitaus glücklicher war ich darüber, endlich die jahrelange Funkstille unterbrochen und mich mit meiner Mutter versöhnt zu haben.

Wir schienen Beide auf einem guten Weg zu sein.

 

Pseudologie

So nennt man in Fachkreisen die furchtbare Neigung von Menschen, die an der psychischen Störung des Narzissmus leiden, beinahe permanent Lügen von sich zu geben, Tatsachen zu verdrehen, Fakten aufzubauschen bzw. zu verfälschen. Den am Ende des Posts verlinkten Artikel habe ich inzwischen mehrmals gelesen, und mich auch auf dem dazu gehörigen Blog umgesehen, und ich muss sagen, ich habe während der Lektüre heute sehr viel gelernt. Ich hoffe, dass ich aus den neu gewonnenen Erkenntnissen bald die richtigen Schlüsse ziehen und eine entgültige und unwiderrufliche Entscheidung im Hinblick meines Umgangs mit meiner Mutter, die definitiv an Pseudologie leidet, treffen zu können.

Zitat aus dem Artikel:

Krankhaftes Lügen wird in der Psychologie auch als Pseudologie bezeichnet und beschreibt das suchtartige Verhalten, zu lügen und zu übertreiben. Der Begriff geht auf den Schweizer Psychiater Anton Delbrück zurück und wird umgangssprachlich auch als „Münchhausen-Syndrom“ oder „Hochstapelei“ verwendet. Diese Form der Wirklichkeitsentfremdung hat jedoch nichts mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder Schizophrenie zu tun. Im Vordergrund steht hierbei eher die überzogene Selbstdarstellung und das gesteigerte Geltungsbedürfnis. Es werden Geschichten erzählt, die zwar durchaus einen wahren Kern beinhalten, die aber immer weiter ausgestaltet werden und eine gewisse Eigendynamik bekommen. Dabei kann sich der Pseudologe so sehr in sein Lügengebäude hineinsteigern, dass er irgendwann anfängt, die erfundenen Ereignisse selbst zu glauben. Der Lügner hat meist eine ausgeprägte schauspielerische Fertigkeit und überdurchschnittliche verbale Fähigkeiten sowie ein charismatisches und gewinnendes Auftreten. Solche Personen bedienen sich des krankhaften Lügens nicht aus einer Not heraus, sondern es geht nur darum, sich vor einem gutgläubigen Publikum übertrieben in Szene zu setzen und große Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Pseudologie gilt somit als ein Symptom der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Hier der Link zum Artikel:

http://umgang-mit-narzissten.de/krankhaftes-luegen-des-narzissten/

Nach der Diebstahl-Intrige (2)

Zu meinem Bruder und seiner Frau hatte ich vom Frühjahr 2009 bis zum Herbst 2015 noch Kontakt. Anfangs telefonierten wir öfters miteinander, durch meine Schwägerin erfuhr ich so die neuesten Nachrichten über die Mutter.

Mein Bruder H. pflegte mir regelmäßig Mails mit oft ellenlangen Ergüssen seiner favorisierten Verschwörungstheorien zu schicken. Die meisten davon waren so sehr haaresträubend abstrus, fern jeglicher Logik und bar aller Vernunft, dass ich mich beim Lesen stets wunderte, dass ein an sich sehr intelligenter Mensch diesem wirren Geschwurbel Glauben schenken konnte. Ich begann, mir allen Ernstes Gedanken über den Geisteszustand von H. zu machen.

Ich kann manchmal recht spöttisch und sarkastisch sein. Nachdem er mir wieder einmal ein ausgesprochen irrwitziges Traktat hatte zukommen lassen, zerpflückte ich dieses auf meinem Hauptblog nach allen Regeln der Kunst. Danach herrschte zwischen uns Funkstille, und auch die Telefonate mit J. wurden seltener.

Im Frühjahr 2014 schrieb ich einen Blogpost, der die Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Thema hatte – die Familie der Mutter hatte ursprünglich in Sudetendeutschland gelebt, und wir sind während der drei täglichen Mahlzeiten bis zum Überdruss mit den Geschichten der Flucht und Vertreibung traktiert worden. Einige Tage später erhielt ich dazu einen Kommentar, in dem ziemlich leidenschaftlich die ollen Kriegs- und Nachkriegskamellen unserer Familie verteidigt wurden – von einer meiner Kusinen verfasst, aber das erfuhr ich erst einige Tage später. Ich kontaktierte per Mail meinen Bruder, und fragte ein wenig höhnisch nach, ob zwischen ihm und der Mutter die Versöhnung stattgefunden habe. Denn sonst hätte er niemals ihre Partei ergriffen. Ich bekam eine ziemlich rätselhafte Antwort: „Manchmal muss man halt tun, was man tun muss.“

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Aber mein Instinkt sagte mir in den darauf folgenden Jahren in den finsteren nächtlichen Stunden des zermarternden Grübelns und Sinnierens immer wieder, dass da klammheimlich, hinter meinem Rücken, ohne mich zu informieren, ziemlich üppig Geld in die Kasse meines Bruders geflossen sein musste. Höchstwahrscheinlich waren er und J. von der Mutter angemahnt worden: „Sagt’s aber ja nix der L.!“ Ende 2015 durfte ich dann erfahren, wie recht ich mit meiner Ahnung gehabt hatte.

Meine Schwägerin hatte mittlerweile auch die Leidenschaft für die Fotografie entdecken dürfen, und Weihnachten 2014 von H. eine schöne Kamera geschenkt bekommen. Voller Stolz schickte sie mir die ersten Bilder zu, und ich war sehr angetan davon und voller Bewunderung. Ich fand es schön, dass J. eines meiner Lieblingshobbies teilte. Irgendwie fühlte ich mich ihr dadurch näher und vertrauter.

Wir wurden FB-Freundinnen. Es dauerte nicht lange, und ich musste feststellen, dass J. nebst dem Zeigen ihrer Fotos Artikel und Postings zu teilen pflegte, die einen deutlich rechten und fremdenfeindlichen Hintergrund hatten. Bei meinem Bruder war dies auch der Fall. Über einem der Postings – es hatte die angebliche Umbenennung deutscher Feiertage aus Rücksicht auf Muslime zum Thema – gerieten wir heftig in Streit, und brachen den Kontakt ab.

Wir hörten nichts mehr voneinander, bis ich Anfang Juni 2015 ins Krankenhaus musste, um mich einer Operation zu unterziehen. Um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein, erstellte ich ein Schreiben mit all meinen Passwörtern und Zugangsdaten, und schickte H. und J. eine Mail mit der Bitte, diesen Brief an sich zu nehmen und nach Gutdünken mit meinen Besitztümern umzugehen, sollte ich die OP nicht überleben – eine Handlung aus lauter Not, da mir leider, leider keine geeignetere Vertrauensperson in den Sinn kam.

Es ging alles gut. Etwa zwei Wochen nach dem Eingriff erkundigte sich J. telefonisch nach meinem Befinden. Ich war so gerührt, beschloss, alles, was zwischen uns gestanden hatte, zu vergeben und zu vergessen. So machten wir einen Neuanfang. Der allerdings nicht von langer Dauer war.

Die fremdenfeindlichen Tendenzen meines Bruders und seiner Frau hatten sich in der Zwischenzeit nicht gemildert, ganz im Gegenteil. Ich stufe die Beiden immer noch als braun angehauchte „Besorgtbürger“ und „Pegidioten“ ein – immer noch, denn ich denke nicht, dass sich ihre Geisteshaltung inzwischen geändert hat. Das Faß zum Überlaufen brachte schließlich während der Hochzeit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ ein FB-Pamphlet mit der Überschrift „Wir sind das Pack!“ – ein die Haare sträubendes rechtslastiges Gewinsel und Gehetze, in dem jeder Satz mit „Wir haben Angst…“ begann. Ich schrieb den Beiden per PN ziemlich deutlich, was ich von ihnen und ihrer Denke halten würde, und dass ich von nun an bis in alle Ewigkeit nur zu gerne auf weitere Kontakte mit ihnen verzichten möchte.

Auf meinem Hauptblog ließ ich mich kurz am Ende eines Posts zum Thema „Flüchtlingskrise“, zunehmender Rechtstrend in Deutschland und die sogenannte „German Angst“ darüber aus, dass nun sogar nahe Verwandte in den braunen Sumpf geraten waren. Die Folge war, dass die getroffenen Hunde gar fürchterlich laut und wütend heulten – mein Anrufbeantworter lief an jenem Tage ganz schön heiss. Wobei die ganze Hysterie von H. und J. völlig sinn- und zwecklos war, denn zwischen meinem Klarnamen und dem Hauptblog gibt es nicht eine einzige Verbindung, und in der Heimat wusste so gut wie niemand von meinem Pseudonym.

 

Nach der Diebstahl-Intrige

Ende Februar 2009 überwies meine Mutter dann doch die zweite Rate (1.000 Euro) jenes Geldes, das sie mir als Ausgleich dafür, dass H. und seine Familie das alte Auto unseres Vaters, den Laptop und Teile der Münzsammlung von ihr quasi aufgezwungen bekommen hatten, zugesichert hatte. Ich war damals so tief gekränkt und geschockt, dass ich es nicht fertig brachte, mich dafür zu bedanken.

Im Laufe des Sommers 2009 entledigte die Mutter sich der umfangreichen Bibliothek Papas sowie seiner opulenten Sammlung von Modelleisenbahn-Loks und -Zügen der Spur HO. Unter den ca. 1.200 Büchern meines Vaters befand sich eine erkleckliche Anzahl Veröffentlichungen über die Heimatkunde unseres Landkreises, nach denen sich so mancher Historiker mit Sicherheit sämtliche Finger abgeschleckt hätte. Sowie sämtliche Biographien und Fachliteratur über den Komponisten Giuseppe Verdi – Papa hatte ihn sehr verehrt und seine Musik über alles geliebt. Nicht zuletzt eine Geschichte der Deutschen Marine von der Gründerzeit bis in die Moderne, mit detaillierten Bauplänen aller Schiffe. Und komplette Sammlungen der Werke Edgar Allan Poes sowie Sir Arthur Conan Doyles, Sachbücher über Religionsphilosophie, die Besiedelung der Alpen von den Kelten bis in die Neuzeit, Reiseführer über sämtliche italienische Regionen und Städte, usw. usw. usw. Meine Mutter war seit jeher nie dem Lesen zugetan gewesen, die Auswahl ihrer Lektüre beschränkte sich, so weit ich zurück denken kann, auf die Fernsehzeitung, ein wöchentliches Klatsch-und-Tratsch-Magazin sowie Versandhauskataloge. So konnte sie vermutlich gar nicht ermessen, welche Schätze sich in der Bibliothek meines Vaters befanden. Einige Bücher verschenkte sie, der Großteil landete im Papiermüll. Auch nach acht Jahren blutet mir immer noch das Herz, wenn ich daran denke.

Genau so verfuhr sie angeblich mit den Schätzen der Modelleisenbahn-Sammlung, sowie dem guten halben Dutzend ferngesteuerter Schiffe, darunter ein gut drei Meter langer englischer Schlachtkreuzer, die er eigenhändig zusammen gebaut hatte. Angeblich hätte sie niemanden gefunden, der sich dafür interessiert hätte. Was ich so nicht glauben kann. Unter den Zügen und Loks befanden sich so manche Raritäten, die das Herz eines jeden Liebhabers hätten höher schlagen lassen. – Ich schrieb grade „angeblich“, denn die Auskünfte meiner Mutter über den Verbleib der Modelleisenbahn sind ein wenig schwammig. Und wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – und bei meiner Mutter standen, so lange ich zurück denken kann, Wahrheit und Ehrlichkeit noch nie hoch im Kurs. Vielleicht befindet sich die Anlage ja doch bei meinem Bruder und seiner Familie – was ich sehr hoffe. Es mutet mich immer noch sehr seltsam an, dass die Frau, mit der mein Vater über 50 Jahre lang verheiratet gewesen war, bei jedem Friedhofsbesuch mit Tränen in den Augen das Grabkreuz küsst, es aber nach seinem Tod ziemlich eilig gehabt hatte, jene Dinge los zu werden, in die er so viel Zeit, Liebe, Hingabe und Herzblut investiert hatte.

Im Sommer 2009 schrieb sie mir eine Karte mit der kurzen Mitteilung, dass ich mir „ein paar Bücher“ aus Papas Bibliothek aussuchen dürfe, sie hätte nun zusammen mit einem Helfer alles in Kisten verpackt. Ich lehnte dankend ab, da sie nun bereits alles mühsam verstaut hätte, wolle ich ihr keine Mühe bereiten.

Im Frühjahr 2009 war im Selbstverlag mein erstes eigenes Buch erschienen. Ich war ungemein stolz darauf, denn dies bedeutete für mich die Erfüllung eines Lebenstraumes. An Weihnachten verpackte ich – milde gestimmt – ein Exemplar liebevoll und schickte es meiner Mutter. Nach den Feiertagen bekam ich eine Grußkarte mit dem Hinweis, dass sie das Päckchen angeblich der Kriminalpolizei zur Untersuchung übergeben hätte. Man kann sich unschwer vorstellen, welche Gefühle diese Nachricht bei mir hervor gerufen hatte.

Danach hörte ich zwei Jahre nichts mehr von ihr.

Genau einen Tag vor Weihnachten 2012 rief sich mich abends zuhause an, und beschuldigte mich aufgebracht, ich hätte einen Eisenwarenhändler in der heimatlichen Kleinstadt angewiesen, ihr nichts zu verkaufen. Ich war wie vom Donner gerührt, und gab ihr unmissverständlich zu verstehen, dass ich beruflich und privat sehr eingebunden sei, und deshalb weitaus Besseres zu tun hätte, als solch einen Unsinn zu veranstalten.

Wieder herrschte eine geraume Weile Ruhe.

Im Frühjahr 2014 fand ich, als ich von der Arbeit nach Hause kam, eine Nachricht von ihr auf dem Anrufbeantworter vor. Sie redete mich als „Hermine“ an (eine frühere Studienkollegin meines Vaters), dass sie sich sehr über die Einladung zum Klassentreffen gefreut hätte, welches diesmal genau an ihrem Geburtstag in der Landeshauptstadt (in der ich seit ca. 30 Jahren lebe) stattfinden würde, dass sie ein Hotelzimmer reserviert hätte, und bereits einen Tag früher eintreffen würde. Ich fühlte mich nicht angesprochen – schließlich ist mein Name nicht „Hermine“ – und wer etwas von mir will, soll sich gefälligst direkt an mich wenden.